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2029-10-09 - Die Einladung

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2029-10-09 - Die Einladung

Ein Dienstagabend

Der Regen hatte aufgehört, aber das Pflaster glänzte noch nass, als Mara die Haustür hinter sich zuzog. Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke höher und tastete nach dem Schlüssel in der Tasche. Dienstagabend. Spätschicht vorbei, Kopf leer, Füße schwer.

Auf der anderen Straßenseite stand ein schwarzer Wagen, der ihr nicht bekannt vorkam.

Nicht ungewöhnlich. Trotzdem blieb ihr Blick einen Moment zu lange daran hängen.

Als sie die Treppe hinunterging, öffnete sich die hintere Tür des Wagens.

Ein Mann stieg aus.

Kein Anzug. Dunkler Mantel, grauer Pullover, Jeans. Er sah nicht nach Vertreter aus. Eher nach jemandem, der nicht auffallen wollte und genau deshalb ein bisschen auffiel.

„Frau Weber?“

Mara blieb auf halber Höhe der Treppe stehen.

„Kommt drauf an, wer fragt.“

Der Mann lächelte kurz. Nicht übertrieben freundlich. Eher so, als hätte er diese Reaktion erwartet.

„Alexander Kessler.“ Er deutete leicht mit dem Kopf auf den Wagen hinter sich. „HabiRec.“

Mara runzelte die Stirn.

„Sagt mir nichts.“

„Das kommt öfter vor.“

Sie blieb noch einen Moment stehen, dann ging sie die restlichen Stufen hinunter. Zwischen ihnen lagen vielleicht drei Meter nasser Asphalt.

„Und was genau wollen Sie von mir, Herr Kessler?“

Er zog kein Ausweisetui, keine Mappe. Stattdessen steckte er die Hände in die Manteltaschen.

„Ein Gespräch.“

„Hier?“

„Wenn es für Sie in Ordnung ist.“

Mara sah kurz die Straße entlang. Ein Bus fuhr am Ende der Kreuzung vorbei. Irgendwo schlug eine Autotür zu.

„Sie hätten auch einfach anrufen können.“

„Haben wir.“

„Wann?“

„Vor etwa zwei Wochen.“

Sie dachte kurz nach. Zwei Wochen. Unbekannte Nummern. Wahrscheinlich hatte sie sie weggedrückt.

„Tja.“

Kessler nickte, als wäre das ein völlig akzeptabler Ausgang.

„Deshalb stehe ich jetzt hier.“

Mara verschränkte die Arme.

„Sie rekrutieren Leute auf der Straße?“

„Nur die, die wir wirklich sprechen wollen.“

Das klang nicht arrogant. Nur sachlich.

Sie musterte ihn kurz.

„Und warum genau mich?“

„Sie sind Ingenieurin.“

„Viele Leute sind Ingenieure.“

„Sie haben vier Jahre lang in einem autarken Energieprojekt gearbeitet.“

Mara hob eine Augenbraue.

„Das war ein Windpark.“

„Mit Inselbetrieb.“

„Für drei Monate.“

„Sie haben ihn stabil gehalten.“

Mara schwieg einen Moment.

Der Mann wusste offenbar ziemlich genau, was er sagte.

„Sie haben meine Bewerbung gelesen?“

„Ein paar Dinge mehr als das.“

Ein Auto fuhr vorbei. Wasser spritzte aus einer Pfütze.

Mara sah kurz auf den Wagen hinter ihm.

„Also gut“, sagte sie. „Worum geht es?“

Kessler zog endlich etwas aus der Manteltasche.

Keine Mappe. Nur eine kleine, matte Metallkarte. Etwa so groß wie eine Kreditkarte.

Er hielt sie zwischen zwei Fingern.

Darauf stand nur ein Wort.

Habitech.

Mara schnaubte leise.

„Große Firma.“

„Ja.“

„Und?“

„Wir bauen Anlagen.“

„Auch das machen viele.“

„Unsere sind etwas spezieller.“

Sie sah wieder auf die Karte.

„Und HabiRec ist…?“

„Die Abteilung, die Leute sucht.“

„Für diese Anlagen.“

Kessler nickte.

Mara strich sich eine nasse Haarsträhne aus der Stirn.

„Klingt nach einem Jobangebot.“

„Im Prinzip ja.“

„Im Prinzip?“

„Es ist ein Projekt.“

„Was für ein Projekt?“

Kessler zögerte einen Moment.

„Langzeitbetrieb einer autarken Infrastruktur.“

„Unter welchen Bedingungen?“

„Abgeschottet.“

Mara sah ihn einen Moment lang einfach nur an.

„Wie abgeschottet?“

„Sehr.“

Ein Windstoß zog durch die Straße. Ein paar Blätter rutschten über den Asphalt.

„Und dafür brauchen Sie… mich.“

„Unter anderem.“

„Was heißt das genau?“

„Ein Team.“

„Wie groß?“

„Mehrere hundert Menschen.“

Das ließ sie kurz blinzeln.

„Das ist kein Team.“

„In unserem Fall schon.“

Sie schob die Hände in die Jackentaschen.

„Wo?“

Kessler schüttelte leicht den Kopf.

„Das kann ich erst sagen, wenn Sie grundsätzlich interessiert sind.“

„Das ist praktisch.“

„Für beide Seiten.“

Mara lachte kurz, ohne Humor.

„Sie erwarten also, dass ich einfach blind zusage?“

„Nein.“

„Nur, dass ich zuhöre.“

„Genau.“

„Und wenn ich Nein sage?“

„Dann fahren wir wieder.“

Er zog einen kleinen weißen Umschlag hervor.

„Lesen Sie das zu Hause.“

Mara nahm ihn.

„Was ist drin?“

„Ein erster Überblick.“

„Und wann wollen Sie eine Antwort?“

„In ein paar Tagen.“

Kessler ging zurück zum Wagen.

„Wenn Sie ablehnen wollen, tun Sie das schnell.“

„Warum?“

Er lächelte.

„Weil die Plätze schneller weg sind, als man denkt.“

Der Wagen fuhr davon.

Mara blieb im Regen stehen.

Der Umschlag fühlte sich schwerer an, als er aussah.

Außen war nichts weiter zu erkennen. Kein Logo, keine Adresse, nur das matte Weiß des Papiers.

Dann zog sie die Jacke enger und ging hinein.

Zwei Tage später

Der Umschlag lag zwei Tage lang auf dem Küchentisch.

Am zweiten Abend hatte sie die Nummer angerufen.

Jetzt stand sie vor dem Gebäude.

Glas, Beton, Stahl.

Über dem Eingang ein schmales Logo.

Habitech.

Im vierten Stock wartete Alexander Kessler.

Vor ihm lag eine Mappe.

„Sie sind gekommen“, sagte er.

„Noch habe ich nichts unterschrieben“, antwortete Mara.

Er schob die Mappe zu ihr.

„Das ist die Teilnahme- und Einverständniserklärung.“

Sie öffnete sie langsam.

Oben auf der ersten Seite stand in nüchternen Buchstaben: HABITECH AG.

Darunter: Teilnahme- & Einverständniserklärung.

Sie blätterte weiter.

Vertragsparteien. Vertraulichkeit. medizinische Eignung. Unterbringung. Verpflichtungen.

Keine Kernnummer auf der ersten Seite. Kein Ort. Keine genaue Lage.

Mara sah auf.

„Sehr allgemein gehalten.“

Kessler nickte.

„Der erste Vertrag ist immer allgemein.“

„Immer?“

„Für jeden, der in die engere Auswahl kommt.“

Sie legte eine Hand auf die offenen Seiten.

„Und wann wird es konkret?“

Kessler zog eine zweite, deutlich dünnere Mappe heran.

Er drehte sie zu ihr.

Zuordnung: HAB-Kern 245.

Mara sah erst die Mappe an, dann ihn.

„Also doch.“

„Nicht für jeden“, sagte Kessler. „Nur für die, mit denen wir weitergehen.“

Sie betrachtete die Kennung einen Moment.

Dann nahm sie den Stift.

Ein kurzer Moment.

Dann unterschrieb sie.

Mara Weber.

Kessler sah auf die Unterschrift und nickte ruhig.

„Willkommen im Programm.“

Er schob ihr die zweite Mappe zu.

„Die gehört jetzt Ihnen.“

Sie nickte nur.

Dann verließ sie den Raum, ging den stillen Flur entlang, die Mappe unter dem Arm, vorbei an Glaswänden, geschlossenen Türen und Menschen, die sie nicht ansahen.

Im Aufzug betrachtete sie ihr Spiegelbild in der dunklen Scheibe. Müde Augen. Nasse Haarspitzen. Dieselbe Jacke wie vor zwei Tagen.

Und trotzdem fühlte sich etwas anders an.

Unten in der Eingangshalle glitten die Türen vor ihr auseinander. Draußen war es später geworden. Die Straßen glänzten noch immer vom Regen.

Mara blieb einen Moment unter dem Vordach stehen, die Hand auf der Mappe. Zuordnung: HAB-Kern 245.

Dann zog sie die Jacke enger, trat hinaus und ging los, als hätte die Entscheidung längst auf sie gewartet.

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